Andreas Bedenbender: Der Gott der Welt tritt auf den
Sinai
Entstehung, Entwicklung und Funktionsweise der frühjüdischen Apokalyptik
Die Entstehung der frühjüdischen Apokalyptik mit ihren literarischen
Manifestationen im Danielbuch und in den Henochschriften ist wesentlich geprägt
von der Erfahrung jener mörderischen Religionsverfolgung im 2. Jahrhundert v.Chr.,
die mit dem Namen Antiochos’ IV. verbunden ist. Zugleich spiegeln die Texte
den auf breiter Basis geleisteten Widerstand. Ein Teil von ihnen lässt erkennen,
wie zwei höchst unterschiedliche Gruppierungen zu einer theologisch folgenreichen
Koalition zusammenfanden: Traditionell-mosaische Kreise verbündeten sich mit
Angehörigen der „Henochgruppen“ – einer nichtmosaischen Richtung des Judentums,
über deren Existenz und Eigenart wir dank der Qumranfunde unterrichtet sind.
Andreas Bedenbender entfaltet detailliert, wie eng der sachliche Gehalt der
apokalyptischen Texte mit diesen singulären Entstehungsbedingungen verwoben
ist. Abgestützt wird das damit erreichte Resultat durch eine Beschäftigung mit
den theologisch faszinierenden, aber weitgehend unbekannten Texten aus der Vorgeschichte
der frühjüdischen Apokalyptik (Astronomisches Buch, Wächterbuch). Bei seiner
Analyse der älteren Teile des Danielbuches kann der Autor – in der Sache umsichtig,
in den Formulierungen teilweise schon provokant kurzweilig – die immer noch
verbreitete Ansicht widerlegen, die assyrisch-babylonische Orakelkunde habe
in nennenswertem Maße Einfluss auf die behandelten apokalyptischen Texte genommen.
Während die frühjüdische Apokalyptik, trotz aller Diskontinuitäten, klar an
die biblische Prophetie anknüpft, ist sie traditionsgeschichtlich von der Mantik
durch einen breiten Graben geschieden.
Ein weiterer Teil der Untersuchung wendet sich der Zeit nach der Religionsverfolgung
zu. An mehreren späteren Texten ist abzulesen, dass das Bündnis in den Tagen
des Antiochos noch lange traditionsprägend wirkte und immer neue Bemühungen
hervorrief, das Verhältnis von Tora und Apokalyptik positiv zu bestimmen. Alles
in allem drängen Bedenbenders Ausführungen damit auf eine neue Sicht der Literaturgeschichte
des Frühjudentums hin.